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Greizer JazzWerk
Vogtland-Anzeiger vom 30. Mai 2005

Furioser JazzWerk Auftakt


Blindes Verständnis: Günter "Baby" Sommer, der seine afrikanische Holzschlitztrommel bearbeitet, im musikalischen
Gespräch mit dem französischen Klarinettisten Louis Sclavis. (Foto: Karsten Schaarschmidt)

Musik mit der Unbeschwertheit eines Kindes
Man könnte glauben, die Welt ist in Ordnung. So viel Freude, Schönheit und Kraft strahlte die Musik dieses Trios aus. Zum Auftakt des Greizer JazzWerks musizierten am Donnerstag in der Greizer Stadtkirche der französische Klarinettist Louis Sclavis, der Dresdener Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer und an der Orgel Matthias Grünert, Kantor der Dresdener Frauenkirche. Für das in Töne gekleidete Glück, das die Musiker schenkten, dankten ihnen die gut 700 Zuhörer mit Beifallstürmen und Jubelrufen.

Greiz -
"Was sie gehört haben, haben sie aus uns gemacht, das ist mit ihrer Hilfe entstanden", dankte Günter Sommer nach fast zwei Stunden musikalischer Magie dem Publikum. Das "richtig gute Gefühl", wie Sommer es formulierte, hatten tatsächlich nicht nur die drei begnadeten Instrumentalisten, sondern gleichermaßen die Zuhörer. Vom ersten Ton an beflügelten sich beide Seiten gegenseitig. Bei den Musikern wuchs mit jedem Applaus die Spielfreude proportional zum Ideenreichtum und Ausdruck ihrer Musik. Und jeder neue Ton zog das Auditorium mehr in den Bann des Trios, das einzig und eigens zum Auftakt des diesjährigen, vom Greizer Theaterherbst veranstal-teten internationalen Jazz-Festivals spielte.
"Hoch, runter, dann schräg hinaus ins Gebüsch und wieder zurück" hätten sie gespielt, kokettiert Sommer. Er will damit sagen, dass vor diesem faszinierenden Klang-erlebnis kein monatelanges Üben
stand, sondern es aus der Improvisation, aus dem blinden Verständnis der Musiker und der alle Grenzen überwindenden Sprache der Musik entstanden ist.
Den Zuhörern, die unter anderem von München, Chemnitz, Glauchau, Plauen, Gera oder Jena nach Greiz gereist waren, stellten sich die drei Instrumenta-listen zunächst als Trio vor. Sie musizierten aber im Verlauf des Abends auch im Duo oder als Solisten. Dabei einen Favoriten zu küren, ist unmöglich oder hängt höchstens an persönlichen Vorlieben. Denn jeder Künstler begeisterte auf sein Art.
Mit dem Klarinettisten Louis Sclavis, der nur für dieses Konzert vom französischen Montepellier nach Greiz gekommen war, erlebten die Gäste einen der derzeit weltweit besten Jazz-Klarinettisten. Was Sclavis vor-nehmlich auf der Bassklarinette vollführte, glich einen klanglichen Wunder. Er entlockte dem Instrument ein unglaubliches Tonspektrum, das von zutiefst grummelnden Basslauten bis hoch hinaus ins fröhliche Gezwitscher balzender Vögel reichte. Minutenlang ließ Sclavis dank Zirkularatmung die Töne tanzen, erzählte Geschichten und zitierte in seinen Soli mal Jazz-Standarts und dann wieder Folklore. Sein modernes, doch stets nachvollziehbares elegan-tes Spiel, sein effektvolles doch nie Effekte heischendes Musizie-ren entspricht, kurz gesagt, der Krönung der Jazzklarinette.
Nicht weniger brillant präsentierte sich Günter "Baby" Sommer. Wie ein vor Lebensfreude übermütiges Kind trommelte, klopfte, streichelte er über sein Schlagzeug, spielte mit den Trommmelstöcken, mit Besen oder mit
den bloßen Händen. Er sang dazu, tönte kommentierende Laute nicht nur bei einem fantastischen Duo mit Louis Sclavis. Sommer, heute auch Professor an der Hochschule für Musik Dresden und schon seit Jahrzehnten einer der profundesten Jazz-Schlagzeuger Europas, beackerte sein Sammelsurium an Trommeln und Perkussions-Instrumenten, malte Klangbilder voller Pracht, tuschelte Geheimnisse oder spielte auch einmal kaspernd ins Leere. Matthias Grünert, der auf der Orgelempore von den im Altarraum agierenden Sommer und Sclavis räumlich weit entfernt war, schuf an der Kirchenorgel den klanglichen Raum. Die zuweilen konzertanten Strukturen seines virtuosen Spiels kontrastierten jedoch nicht nur die fantasievolle und springlebendige Musik von Sclavis und Sommer. Die Soli und Einsätze von Grünert, der bis voriges Jahr zu Recht hoch geschätzter Kantor in Greiz war, bildeten zugleich so etwas wie den sicheren Boden.
Ob als Solisten, im Duo oder zu dritt, Sclavis, Sommer und Grünert boten knapp zwei Stunden ununterbrochen höchste musikalische Perfektion, und das mit einer Leichtigkeit und Eleganz, das sich sicher kaum ein Zuhörer der von diesen Trio ausgehenden Faszination entziehen konnte. Eine Faszination und vor allem eine Kraft, die mit Unbeschwertheit einer Kinderseele daherkam, für eine Zeit die Welt in Ordnung brachte, und wohl auch jedem Gast ein Stück dieser, ihr eigenen Unbeschwertheit mit auf den Heimweg gab.

Karsten Schaarschmidt

Vogtland-Anzeiger vom 30. Mai 2005

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Letzte Aktualisierung: 09.08.2010   |   E-Mail: Greizer@Theaterherbst.de   |   © 2005 Greizer Theaterherbst