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Ostthüringer Zeitung vom 20. September 2004
Zahme Hunde

von Angelika Bohn


Wer hoch steigt, fällt tief. Doch einmal ganz unten gelandet, kann es nur noch aufwärts gehen. Die "Neue Wege Neue Zukunft Companie" - kurz NWNZC -  in Gestalt von Frau Wrage (Ute Riemenschneider)macht Manager, die ihren Job verloren haben, für künftige Aufgaben fit. Die Stückidee stammt vom Schweizer Schriftsteller Urs Widmer. Sandra von Holn (Leitung) und die Ganzjahreswerkstatt des Greizer Theaterherbstes "G.Reiz-Theater" haben mit "Top Dogs" am Freitag die letzte Premiere der 13. Saison des soziokulturellen Festivals bestritten.
Die Zuschauer haben sich amüsiert, die Schauspieler mit ganzem Einsatz gespielt, doch richtig klar wurde nicht: Sind wir schadenfroh, dass die Arbeitslosigkeit nun auch die Ärsche aus der Chefetage erwischt hat? Oder haben wir Mitleid, weil sie genau wie wir leiden, wenn ihnen mit der Arbeit die Identität und der Lebenssinn weggenommen wird? Richtig flott geht es auf der "Top Dogs"-Bühne immer dann zu, wenn das Ensemble Bilder für die Absurdität der Situation der sechs "Helden" in diesem NWNZC-Kurs findet. Etwa, wenn zu Anfang Herr Deer (Sebastian Schwarz) von seinem Chef geschickt wird und glaubt, es gehe um Synergie.
G.Reiz-Theater mit Top Dogs
J. Flessa (Foto Schaarschmidt)

Während Deer erfährt, dass er jetzt zum Heer der Arbeitslosen gehört, ziehen die Anderen ihm die Klamotten aus und die "Ich bin eine graue Maus"-Uniform an, die - das ist in jedem Jobsuche-Ratgeber nachzu-lesen - beim Vorstellungsgespräch den besten Eindruck machen soll. Oder, wenn die Restaggressivität der Rührungskräfte genutzt wird, um beim Kinderspiel den auszuwählen, der als nächster zum Seelen-striptease antreten muss. Und auch, dass Frau Wrage ihre Kursteilnehmer mit Leckerli aus der Hundefuttertüte für jedes "Hast´s brav gemacht" belohnt, entwickelt sich zum
schönen Bild für das Lechzen des Menschen nach Anerkennung. Entlassen zu werden, ist demütigend. Diese Erfahrung teilen nicht nur der verhuschte Buchhalter-typ Krause (Torsten Schemmel), die sexy Porschefahrerin Judy (Tina Burkhardt), die exakte Biehler (Petra Walter), der dynamische Tennis-lehrer Neuenschwander (Jörg Flessa) und die superangepasste Frau Müller (Heidi Gerber). Auch Neuenschwnders Ehefrau (Antje Freese) hat handfest erfahren, dass der Geschlagene gern selber schlägt, ist sich aber nicht sicher, wie sie mit dieser späten Form von Aufmerksamkeit umgehen soll. Sichtlich bemühen sich die Akteure, Nuancen ihrer Figuren zu entdecken. Dabei entsteht dann ein sehr uneinheitliches Gesamtbild.
Gewiss würden die furiosen Über-lappungen von Witz, Ironie und Melancholie, die Widmers Figuren ausmachen, auch die meisten professionellen Schauspieler über-fordern. Dass Laien sie nicht bewäl-tigen, kann Ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Frage dagegen muss erlaubt sein, warum sucht man sich ein Stück, dem die Zwischen-töne auch mit der Bearbeitungsaxt nicht auszutreiben sind, und inszeniert so brav und konventionell? So bleibt unterm Strich, "Top Dogs" sind eher Kabarett als Theater, aber als Kabarett dann doch nur ganz zahme Hunde.



Ostthüringer Zeitung vom 20. September 2004

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Letzte Aktualisierung: 09.08.2010   |   E-Mail: Greizer@Theaterherbst.de   |   © 2004 Greizer Theaterherbst