Greiz. Überīm Von-Westernhagen-Platz liegt ein irdischer Duft von Rostbratwurst. Der aber ist so stark, dass er selbst himmlische Wesen verleitet, herabzusteigen. Amüsier-williges Geflügel aus höheren Sphären macht sich breit im allzu menschlichen Weltgetriebe. Und hier treiben sie es wirklich bunt und wild, die Engel. Die Kunde geht, es handele sich um verstoßene Engel, die überall und nirgends eine Heimat haben. Sie sind hier und dort, sich und uns sehr fremd.
"Fremd", das war aufwändiges Straßentheater zur Eröffnung des Theaterherbstes am Freitag, vom "Alarm!Theater" aus Bielefeld. Harald Otto Schmid hat so etwas wie den letztmöglichen Ausstieg aus der Evolution inszeniert.
Eine weise Frauenstimme erzählt, wie sich die Entwicklung der Welt in der komprimierten
Fassung von 46 |
Jahren ausnehmen würde - dann wäre der moderne Mensch nicht älter als vier Stunden. Gut zu wissen. Am Ende der Zeit bleibt der Mensch als das unvernünftige Kind zurück, das er immer schon war, und weil er sonst nichts zu tun hat, läutet er eine Glocke. Sogleich erscheint ein Violinenengel, lang und hoch wie sonst nur die Königin der Nacht in der "Zauberflöte"; dies Geschöpf hier lässt die Zaubergeige seufzen, vielleicht sind die Harfen ausgegangen...
Um ehrlich zu sein, ich habe keinen leisen Schimmer davon, worum es bei diesem Eröffnungsspektakel wirklich ging. Na schön, da sind ein paar abendländisch-biblische Motive verwurstet worden. Ein jegliches hat seine Zeit und so. Die sieben Todsünden prangen auf großer Leinwand, sieben Engelsweiber ohne Flügel machen sich selbst das
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Leben (oder wie nennt man das in ihrem Fall?) schwer. Sie sind irgend-wie aus ihren Himmelsbettchen gefallen und werden einfach nicht müde. Wie eine hyperaktive Selbst-hilfegruppe rennen und toben und tollen sie um das unvernünftige Goldkind herum, das auf gülden verziertem Schlagwerk trommeln darf und ansonsten lieber das Maul hält.
Das Ganze ist ein abendliches Jahrmarktsspiel, ein bisschen Zirkus, ein bisschen Clownerie, ein bisschen Melancholie. Sehr hübsch. Aber warum muss ein Spektakel wie dieses auch noch nach tieferer Be-deutung gieren?
Der Verfolger wirft bisweilen einen mächtigen Lichtkegel gen Firmament. Aber er erreicht sein Ziel nicht. Das war das schönste und klarste Bild des Abends.
Michael Helbing
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