Jubel brach sich hinter dem Vorhang Bahn nach dem ersten Applaus, der dann nicht enden wollte. Wohlverdienter Beifall für die Premiere der Ganzjahres-Werkstatt beim Greizer Theaterherbst. Die Truppe um den in Dresden lebenden Schauspieler und Regisseur Ulrich Milde hatte offentsichtlich mit ihrer Fassung der „Odyssee“ den Nerv des Publikums getroffen. Was Wunder, verwoben doch die zehn Akteure wirkungsvoll unterstützt von zwei Musikern - einen der ältesten mythologischen Stoffe mit ganz modernen Texten. Auf diese Weise entstand eine ebenso spannende wie witzige Version um den Helden Odysseus, der eigentlich gar kein Held werden wollte, und seine von „Pannen“ begleitete Heimkehr nach dem Sieg über Troja. Dabei steht durchaus die Frage, ob die Odyssee Reise oder Flucht, Unrast eines von der Arbeit Besessenen oder schlicht Aberteuerlust ist. Das verbale „Give peace a chance“ kann nicht über die kriegerischen Absichten hinwegtäuschen. Mit mal zurückhaltenden Spiel, dann wieder provokanter Mimik der weißgeschminkten Gesichter und sehr heutiger Gestik (Stinkefinger) sind die Schauspiellaien punktgenau und in stets wechselnden Rollen präsent. Das alles fast ohne Requisiten, abgesehen von einem langen weißen Tuch. Das symbolisiert Segel und Masten, |
Zelt und Höhle, das Liebesnest der Circe, das das Auge des Zyklopen blendende Schwert, den Bogen Odysseus', den kein anderer spannen kann. In dem durchweg kurzweiligen Spiel überzeugten vor allem Steffen Hölzer in der Titelpartie, Sarah Weiß als Penelope und Ralf Sonne in einer köstlichen Szene als Circe mit bayerischem Akzent. Der 17-Jährige war jüngster im Team, die alerte Ruth Seifert hingegen mit knapp 81 Jahren älteste Akteurin. Wie Ulrich Milde ist auch Regisseur Ulrich Schwarz ein alter Bekannter beim Greizer Theaterherbst. Rückte er mit seiner letztjährigen, begeistert aufgenommenen Inszenierung „Merlin“ den Sohn des Teufels in den Mittelpunkt, ist es dieses Mal Gottes Sohn Jesus. Und das provozierend und schockierend, nicht selten hart an der Grenze des Makabren. „Kreuzweg-Kreuzgang“, das mit einem satirischen Text auf „Die Antwort weiß ganz allein der Wind“ beginnt und mit einem verzerrten „Knockin' on heaven's door“ endet, ist nicht weniger als ein Versuch, sich angesichts der heutigen, von Geld, Fun und Action bestimmten Gesellschaft mit existenziellen Problemen der Menschheit auseinander zu setzen. Auf der Suche nach Lösungen geht es dabei auch um die „bessere“ Utopie, und darum, wie sich das so verhält mit dem Gehorsam und dem Widerspruch. |
Letztlich also ganz dem Motto dieses Theaterherbstes gemäß - um den „Schönen Schein“ des Heiligenscheins. Nicht bierernst handeln die zehn jungen Leute das Geschehen von der Geburt Jesus' bis zu dessen Kreuzigung samt einem Epilog von Gott Vater ab, der seinem Sohn einen Taugenichts und Utopisten nennt. Witzig-flotte Sprüche a la Monty Python wechseln mit philosophischen Texten eines Stefan Heym, eines George Tabori, und auch das Anleihen bei Peter Handtke und Slawomir Mrozek sind unüberhörbar. Gepaart ist das Ganze mit einer unbändigen Freude am Spiel, obwohl oder gerade weil es den Schauspielern gleichermaßen höchste Konzentration wie körperliche Präsenz abverlangt. Am überzeugendsten in dieser Truppe waren Jörg Flessa als sehr menschlischer Jesus, Tina Burkhardt unter anderem als lüsterne Maria, Torsten Schemmel etwa als verbitterter Joseph und Thomas Krauße als Herodes und Jetset-Überflieger. Temporeich bis an die Grenze scheinbarer Hektik agieren sie in ständig wechselnden Rollen quer durch eine Halle des Greizer Zapfwerks wenig auf der Bühne, dafür mitten im Publikum, dieses auch einbeziehend, auf einem markierten Kreuzweg, der den Gang in alle Richtungen offen lässt... Pamela Steering |