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| Ostthüringer Zeitung vom 18.09.2001 |
 Die Akteure der Schauspielwerkstatt „Action without satisfaction“ - fünf Minuten vor ihrem großen Auftritt am ersten Festival-Abend. (Foto: Fotowerkstatt Theaterherbst) |
| Über Helden und Regenwürmer |
| Super Auftakt mit trockenem Humor, skurrile Groteske folgt |
Greiz. Regisseure nach wochenlangen Proben nicht mehr benötigt? Dann schnell versteinert und von der Bühne getragen. So erging es Gabriele Bocek und Tilo Nöbel in den ersten Minuten der Premiere Nummer 1 des Theaterherbstes, „Der heldenhafte Herr Schneider“. Als der Theaterschneider von einer Schneiderpuppe bewusstlos geschlagen wird und im Märchen aufwacht, muss er sich zurechtfinden und Prüfungen bestehen; Die Riesen vertreiben, die Wildsau zum Braten beschaffen und das hornophonierende Einhorn in den königlichen Stall stecken. Wenn er das geschafft hat, soll der Schneider vom König eine Belohnung erhalten. Mit Charme überlistet er das eitle Einhorn, das von sich selbst sagt, es sei das Schönste, Klügste und Beste, eben weil es das Letzte ist. Selbstüberschätzung, die der Held ausnutzt. Diese Szene war neben vielen anderen richtig gut, weil sie zeigte, dass das Einhorn so intelligent scheint und sich doch nur |
von Schmeicheleien blenden lässt. Die Darsteller haben es geschafft, das Stück mit Pointen und trockenem Humor für Kinder und Erwachsene gleichermaßen witzig aufzuführen. Sie haben mit Mimik, Gestik und Sprache, nur wenig Bühnenbild und Requisiten einen super Auftakt geschafft. Um kleine und große Heldentaten ging es auch in der zweiten Premiere, „Action without satisfaction“ - eine absurde Übertreibung banaler Begebenheiten. Zwei Frauen, eine davon schwanger, wollen umziehen. Für ihre Wohnung will der Vermieter sofort Geld sehen. Doch das Geld haben sie nicht. Und die Tunte Sofie, mit den zwei Frauen befreundet, schwärmt von ihrer neuen männlichen Flamme. Sofie, von einem Mann gespielt, ist die schillerndste Figur in diesem Stück. Sie wechselt ihr Aussehen von verrucht und billig bis aufgedonnert und ladylike. Bei ihr stimmt einfach alles, die Mimik, Gestik und Sprache, das Negligee und die |
Plüschhausschuhe. Zwei Möbelträger, die beim Umzug helfen sollen, können das Leben nur im Suff ertragen. Die Schwangere ist naiv und hysterisch, ihre Stimme schrill und überdreht. Sie geht allen auf die Nerven. Weil das Leben manchmal chaotisch zugeht, besteht das Bühnenbild nur aus einem Sofa und Unmengen Kartons. Ein alter Mann erscheint auf der Bühne. Die anderen Darsteller erstarren, ihr Leben steht still. Der alte Mann erzählt aus seinem Leben. Er beschwert sich, dass Regenwürmer überfahren werden. Wenn er jedoch über die Strasse kriecht, wird gebremst. Der Mann hat sein Selbstwertgefühl verloren. Deshalb bietet er den anderen Leuten Geld an, wenn sie ihm in den Hintern treten, um dadurch seine Ehre wiederherzustellen. Alle stürzen wie die Tiere auf den Geldschein und vergessen sich dabei. Eine absurde, groteske Inszenierung, die zeigt, was wir heute noch wert sind. Monique Landberg Pressewerkstatt Theaterherbst |
 Gilla Cremer begeisterte als Medea und als Renate. (Foto: Schaarschmidt) |
| Wenn aus der Zweisamkeit plötzlich Einsamkeit wird |
Gilla Cremers m.e.d.e.a. : Die Flamme der Liebe wird ausgelöscht vom Flächenbrand des Hasses |
Greiz. Wie sich die Schicksale doch gleichen. Da ist auf der einen Seite Medea, die Königstochter die einst Jason zum Goldenen Vließ verhalf. Jahre später verließ er sie wegen einer Jüngeren. Medea tötete nicht nur die neue Braut Jasons, sondern auch ihre beiden eigenen Söhne. Und da ist auf der anderen Seite Renate, eine moderne Frau, die nach neunzehn Jahren ebenfalls verlassen wird und die in ihrer Verzweiflung, ihrer Wut nach einem ähnlichen Ausweg sinnt - viele Jahre nach Medea. Die Hamburgerin Gilla Cremer brachte in ihrem Soloprogramm am Sonntag all die Zerrissenheit, Wut, Trauer und großen Gefühle einer Verlassenen auf die Greizer Theaterbühne. Texte verschiedenster Autoren aus verschiedensten Zeiten wurden für diese Collage herangezogen. Da finden wir Passagen von Euripides ebenso wie von Sylvia Plath oder Heiner Müller. Sie alle behandeln das Medea-Thema und werden eindrucksvoll miteinander verknüpft, |
ergeben das Bild einer faszinierenden Frau zwischen scheinbarer Normalität und Wahnsinn. Sparsam die Ausstattung mit Requisiten, die gleichsam für eine verarmte Gefühlswelt stehen können. Sparsam auch die Gesten, die dadurch noch eindrucksvoller wirkten. Bravourös stellte die Mimin die Gefühlswelt einer verlassenen, vertriebenen und gedemütigten Frau in all ihren Facetten dar. Da ist eine Frau, die urplötzlich herausgerissen wird aus ihrem scheinbaren Glück, die sich nicht mit der Rolle der Verlassenen abfinden kann. Eine Frau, die pathologisch nüchtern von der Geburt ihres Sohnes erzählt und doch über das Normale nachdenkt. Eine Frau, die mittels einer Fernbedienung Halt in der technisierten, unpersönlichen Welt sucht und dort Ausdruck für ihre Emotionen findet, aber keine Hilfe. Und so wird die Flamme der Liebe ausgelöscht vom Flächenbrand des Hasses. Einem Haß, der unaufhaltsam der Gewalt |
entgegensteuert. Immer wieder wechselt Gilla Cremer in ihrem Monolog die Rollen zwischen Medea und Renate. Sie zeigt so nicht nur Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Schicksalen auf. Damit unterstreicht sie auch die Zerrissenheit der einzelnen Person auf ihrem Weg durch die verwirrende und schwerwiegende Welt der Gefühle, wenn aus der Zweisamkeit Einsamkeit wird. Sie sucht nach dem eigenen Selbst-Verständnis und empfindet schmerzhaft ihr Alter. Gilla Cremer verkörpert differenziert und großartig eine in ihren Gefühlen tief verletzte Frau, die viele innere Kämpfe austrägt. Dennoch braucht sie ein Ventil für ihre Agressionen und Ängste. Mit ihrem Spiel beeindruckte sie die Zuschauer, löste Betroffenheit und Nachdenken aus. Das äußerte sich auch in dem verzögert einsetzenden und lang anhaltendem Applaus. Pia Büttner, Pressewerkstatt |
Ostthüringer Zeitung vom 18.09.2001
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